MUSTER

Dieses Spiel nicht auf die Linien der Steinplatten zu treten, habe ich immer viel ernster genommen als alle anderen. Große Schritte und dann extra ein kleiner.

Ich hab Muster erkannt im Unregelmäßigen. Nur meine eigenen konnte ich so lange nicht sehen. Nicht fühlen. Also habe ich immer wieder immer wieder immer wieder dasselbe getan und gerechtfertigt und bin gescheitert. Getan, gerechtfertigt, gescheitert. Und wieder. Und diese Gleichmäßigkeit ist mir nicht aufgefallen. Weil erst die Ausnahme die Regel bestätigt. Also habe ich weitergemacht damit: meine Shirts nach Farben sortiert, den Einkauf nach Gewicht aufs Band gelegt und ein Muster in den Sand gezeichnet. Ich habe in deinen Muttermalen eine Richtung gesehen und das Herbstlaub zu einem orangefarbenen Regenbogen gelegt. Muster im Leoprint und Makramee an meiner Wand. Ich habe Worte aus meiner Buchstabensuppe gefischt. Bin den Spuren der Bucheckern durch den Wald gefolgt. Wenn Du ganz genau hinsiehst, dann macht die Maserung der Rinde meines Lieblingsbaums Sinn, dann ergeben meine Wege durch diese Stadt ein Hexagon. Immer wieder. 

Ich habe eine Schwäche für Muster.
Muster im Unregelmäßigen.
Gleichmäßigkeit der Zeit.
Rhythmus des Lärms der Stadt und dazu der Klang des Meeres.
Gleichmäßig. Verlässlich.
Muster.

Und als ich das fünfte Mal über dieses eine Gefühl gestolpert bin, habe ich die Genialität meiner Emotionen erkannt. Genial, weil einfach, weil simpel, weil Du. Es seid nicht ihr, sondern ich. Es ist nicht unser, sondern mein. Was ich für einen Zufall hielt, war vorbestimmt. Ich bin ein Magnet. Mein Pol das Kennenlernen. Ziehe an: Abschiede. Ich habe immer wieder dasselbe gedacht und neu gedacht, zerdacht und zusammengeflickt. Das hat jedes Mal wieder wehgetan und trotzdem habe ich mich gewehrt und gekämpft und geglaubt, was ich da gefühlt habe. Was okay ist, weil Gefühle nicht falsch sein können, aber nur weil sie wahr sind, sind sie nicht unbedingt richtig. Ich habe Strategien bewusst nicht angewandt. Habe gelebt, bin ausgerechnet diesen Zeichen nicht gefolgt. Hätte doch sehen müssen, dass das eine Zahlenfolge ist. Nicht 85, 13, 26, 8, 16 … – ein bisschen komplizierter noch. Dabei war ich in Mathe doch immer richtig gut. Aber daran liegt es nicht. Nicht ganz so offensichtlich wie Zebrastreifen, aber doch da: ein immer wiederkehrendes Muster. Mein Muster. 

Ich habe angefangen auf die Linien zu treten. Ich habe Puzzeln andersherum gespielt und angefangen mit knalligen Farben über die Ränder meines Mandalas zu malen. Ich habe das Muster auf meinem Lieblingspullover ausgemessen und gemerkt, dass das vielleicht doch etwas ganz Zufälliges ist. Habe die Maschen aufgetrennt. Und während aus all den Mustern und Gittern, Systemen und Maserungen auf einmal so viel Unregelmäßiges und Unwichtiges geworden ist, konnte ich mich selbst viel genauer sehen. Ich habe Aufzeichnungen nebeneinandergelegt, Gespräche gleichzeitig abgespielt. Ich habe gefühlt und mit der rechten Hand an Dich gedacht. Und das sah plötzlich alles ähnlich aus. Das wurde berechenbar. Diese große Gefahr, Angst, Traurigkeit wurde greifbar und in dieser Form jagt sie mir schon viel weniger Angst ein. Zwei Schritte vor, einer zurück. Und noch ganz viel mehr dazwischen und vor allem darunter. Schrittfolge einprägen und dann nicht mehr wiederholen! 

Also ich habe noch immer nicht alles verstanden.
Wie Hieroglyphenlesen fühlt sich das an: entdecken, freischaufeln, gründlich säubern, erkennen, lesen, interpretieren und hoffen zu verstehen. Ein bisschen Fantasie und Logik und Schlüssel und Glaube. Wie Hieroglyphenlesen. Aber ich bin dabei. Ich bin dabei, meine Zusammenhänge zu erkennen.
Ich schlage und frage und fühle nach.
Und ich werde das aufbrechen.
Ich werde meine eigenen Muster aufbrechen.
Hoffen zu verstehen.
Zwei Schritte vor, einer zurück. Und noch ganz viel mehr dazwischen und vor allem darunter. Schrittfolge einprägen und dann nicht mehr wiederholen.

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1 comment

Gabi 22. August 2020 at 21:55

Wundervolle Worte und tolle Bilder!
Liebste Grüße, Gabi

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