STEINBALANCE

Es begann schon bevor ich meine Koffer packte. Ich spürte das irgendetwas anders als sonst war. Dass ich nicht nur materialistische Dinge wie Kleidung, Kamera Equipment … in meinen Koffer packe. Ich war hoffnungsvoll und total erleichtert. Denn die letzte Zeit war ich non stopp unruhig, nervös und hatte mich selbst verloren. Ich glaube ich habe mich noch nie so sehr nach „Alleinsein“ gesehnt. Nach Freiraum und Zeit für mich. Die Wahrheit ist, dass ich niemand mehr sehen konnte. Und nicht mehr funktionieren wollte. Für andere. Und um meiner Gesundheit wegen. Damit ich zur Ruhe komme und aufhöre mich selbst mit Unwahrheiten zu betrügen. Als ich am Fluss eine Steinbalance gebaut habe, habe ich so getan als ob alles in Balance ist und ich sehr ausgeglichen bin. Mir dabei aber selber keine Sekunde geglaubt.

Im Leben kommt man immer wieder zu Erkenntnissen. Doch manchmal verliert man sich auch in diesen Erkenntnissen und verliert seinen Weg. Im Grunde weiß man wo entlang man laufen muss. Allerdings ist man gegen Nebel oder andere unvorhersehbare Gefahren dennoch nie gewappnet. Und plötzlich kommen Gedanken zum Vorschein die man längst verdrängt hat. Und man fragt sich ob man sich nicht doch verlaufen hat. Oder ob das was man tut oder was man getan und die Entscheidungen die man getroffen hat, die Richtigen waren.

Es ist verrückt wie schnell man sich oder einen Weg aus den Augen verlieren kann. Und was es dann braucht um wieder zu wissen wer man ist. Meine Heimat Italien gibt mir immer dieses Gefühl dass sich im Grunde nichts verändert hat. Ich finde immer zu mir zurück. Durch diese Routine. Durch dieses vertraute Gefühl. Dadurch dass ich früher jedes Jahr unten war, werde ich immer dieses Gefühl haben dass ich mit der Zeit dort immer wieder zu mir zurückkomme und sie dort irgendwie anhält. Zumindest für mich.

Auch wenn ich mich zwischenzeitlich in Deutschland von mir distanziert habe und diese Entfremdung im Alltag für mich gar nicht zu spüren war, finde ich dort meine innere Mitte. Und egal wie sehr die Last auf meinem Brustkorb liegt, befreit die Meeresluft meine Lungen. Ich steige aus dem Flugzeug aus und fühle mich fantastisch. Zum ersten Mal war das Fliegen für mich angenehm. Und alle Landsleute freuen sich hier zu sein. Man spürt es.

Ich glaube der größte Fehler der Menschen ist der, dass sie sich zu wenig auf das Wesentliche und wirklich Bedeutende konzentrieren. Nämlich auf die Momente die einem den Atem rauben. Die uns innehalten. Ob es bedeutet die Freiheit durchs Kajaken auf dem Meer zu spüren. Einen Berg in Griechenland hochzuklettern um eine noch schönere Aussicht zu haben. Ob es bedeutet mit der Oma dazusitzen und ihre Geborgenheit zu spüren. Oder mit Papa Feigen zu klauen.

Ich habe überhaupt nicht gemerkt wie fokussiert ich auf mich selbst war. Ich habe nicht gemerkt dass ich nicht nachgedacht habe. Ich habe gar nicht gemerkt dass ich die Momente durstig und bis ins Detail aufgesaugt habe. Und damit habe ich mir selber verdammt gut getan und endlich losgelassen.

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