DIR SELBST GENÜGEN

Kann man sich jemals nicht abhängig von einem Menschen machen? Klar, ich arbeite und verdiene mein eigenes Geld. Ich bezahle meinen Anteil unserer Wohnung und wir teilen alles auf. Aber ich meine gefühlstechnisch. Geht das wenn man liebt? Wir sitzen in diesem netten Café. Ich trinke ein Schwarztee. Wie immer wenn ich dort bin. Fast schon routiniert. Dabei hasse ich Routine. Und jeder weiß das! Wir haben uns lang nicht gesehen und viel zu erzählen. Aber ich bin still. Schweige. Höre zu. Denke nach.
Es ist nicht so dass ich nicht vorhatte zu reden. Nur das Problem ist dass ich ganz plötzlich nicht mehr den Drang dazu habe. Etwas in mir stockt. Als hätte ich einen Kloß im Hals. Ich kann darüber nicht reden. Nicht jetzt.
„Hast du die Erstiwoche mitgemacht?“, frage ich sie.
„Nur teilweise. Club Rotation. WG Calling. Das habe ich mitgemacht“
Genug wie ich finde.
„Und wie läuft es bei dir?“, fragt sie mich.
„Gut. Es ist alles top“, sage ich in einem nüchternen Ton.
„Du schaust nicht gerade glücklich aus“
Sie hat Recht und ich bin mir auch bewusst dass ich anders aussehe als sonst. Es ist die Ausstrahlung und nicht die oberflächliche Erscheinung. Die Aura die mich umgibt. Rauchschwaden. Dabei rauche ich gar nicht.
„Ich will nicht abhängig sein“, sage ich.
Ein Gedankensprung. Ein Anstoß für ein Gespräch.
„Abhängig von was?“
„Na von Menschen. Von ihm.“
„Brauchst du auch nicht. Zahle deine Sachen und sorge immer dafür dass du selbst dein Geld verdient und unabhängig bist.“
Ich wusste dass die Antwort kommt. Kann es ihr auch nicht verübeln. Denn die meisten Menschen denken sofort an Geld. Geld macht abhängig oder unabhängig. Das ist einfach so.
„Nein, ich meine abhängig auf einer subjektiven Ebene. Ich ertrage das nicht. Klar, ich kann auf Distanz halten. Aber man kann es doch niemals komplett schaffen, sich unabhängig zu machen. Wenn man das schaffen würde, dann liebt man die andere Person nicht. Dann wäre es einem gleichgültig wenn es enden sollte. Dann würde man sich daraus nichts machen. Ich weiß nicht wie ich es sagen soll…“
„Ich fürchte du hast Recht. Materiell gesehen ist das ganz einfach. Aber auf Gefühlsebene. Wer liebt, der ist in einer Form abhängig und kann jederzeit verletzt werden.“
„Du sollst dein Glück nicht von anderen abhängig machen sagen sie. Aber wenn du liebst, dann ist dein Glück in dem Moment von dem anderen abhängig. Kurzfristig zumindest. Und das kann dann doch ziemlich lang sein“
„Also, was ist es das einen nicht abhängig macht? Zu wissen dass man so gut wie jeden haben könnte? Dass andere einen auch noch toll finden? Zu wissen dass man auch alles allein schaffen kann? Zu wissen dass man eine tolle Persönlichkeit ist…unabhängig von einem Menschen der einem das jetzt und vielleicht später nicht mehr zeigt?“
„Du musst dir selbst genügen. Dann bist du unabhängig“
„So ist es. Ich genüge mir selbst.“

Es gibt Menschen die haben Feinde. Weil sie sich mit einer anderen Person angelegt haben. Und dann gibt es wiederum Menschen, die ihr eigener Feind sind. Indem sie sich nicht selbst annehmen. Sich nicht selbst genügen. Indem sie ihr Glück durch Zweisamkeit oder Freunde bestimmen. Schließlich wird Glück im Fernsehen oder auf Leinwänden immer wieder als Zweisamkeit verkauft. Alleine zu sein ist verwerflich. Alleine ins Kino gehen ziemlich erbärmlich. Aber mal ganz ehrlich, wer hat bitte sowas den Leuten in den Kopf gesetzt? Trotz schlechter Tage habe ich immer gewusst: Ich genüge mir letzten Endes selbst! Ich komme mit mir selbst gut klar. Ich überwinde den Regen alleine. Und komme selbstständig nach dem Regenbogen und mit ein bisschen Sonne wieder aus meinem Loch.

Es gibt Situationen im Leben wo man sich fragt was man falsch gemacht hat und wo man verbohrt nach einem Fehler bei sich sucht. Nur bei sich. Schließlich ist man der innere Kritiker. Findet man keinen Fehler, analysiert man immer weiter. Bis man daran zu Grunde geht. Bis man sich selbst aus den Augen verliert. Es gibt den Spruch „Was man nicht will das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu.“ Für mich war es selbstverständlich jemandem nicht das anzutun, was man mir selber nicht antun sollte. Das war und ist mir bis heute wichtig. Nur ein Aspekt hatte ich immer vergessen. Ich war mir selbst gegenüber nicht so, wie ich zu meinen liebsten Menschen sein würde. Das habe ich erst gelernt. Mich anzunehmen und mich nicht zu verurteilen. Und dem Bedarf es ständige Pflege. Denn sich selbst zu genügen bedeutet nicht nur, alleine mich klar zu kommen. Es bedeutet sich selbst am Wichtigsten zu sein. Sich selbst zu genügen. Denn wenn du dich selbst achtest, bleibt diese dir erhalten – auch wenn andere Menschen dich ablehnen.

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4 comments

Katharina 12. August 2017 at 18:55

Der Text gibt mir so viel Kraft. Wundervoller Blog! Deine Art zu schreiben ist so lebendig. Man hat das Gefühl direkt im Geschehen zu sein und mit jedem Text zu lernen. Zudem schöne Fotos!

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Lauren 12. August 2017 at 19:05

Statement + Bilder = Top!

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Vanessa 13. August 2017 at 19:33

ich glaube wir alle verlieren uns selbst mindestens einmal im Leben. Für was wir stehen, was wir nervig finden und all solche Dinge werden sich in dem teil ändern. Wenn man aber Menschen hinter sich stehen hat, die einen kennen, dann fangen wir uns schnell.
Deine Worte sind sehr gut gewählt und der Sinn ist toll.

xoxo Vanessa von http://www.lipstickbunnies.de

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Héloise 15. August 2017 at 11:27

Schöner Text! Es stimmt schon, dass viele Menschen sich schlechter behandeln als andere… mir fällt das öfter auf, dass Freundinnen so schlecht über z.B. ihren Körper sprechen, dass ich mir immer denke: „Jemand anderes dürfte sowas nicht über meine Freundin sagen“. Trotzdem glaube ich, dass die Art Abhängigkeit, die du hier schilderst, auch etwas Schönes sein kann, vielleicht muss man heutzutage auch lernen, sowas bewusst zuzulassen =)
Love, Héloise
Et Omnia Vanitas

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