EIN NACHSPIEL

Genommen. Immer wieder habt ihr mir genommen. Konnte nicht schlafen, nicht essen. Hatte den Magen leer. Brauchte nichts mehr zu sagen. Hatte nichts mehr zu sagen. Wollte irgendwann auch nichts mehr sagen. Vielleicht, ja vielleicht habe ich auch zu viel gegeben. Hab mich nicht getraut zu erwarten.

Ich lief. Immer weiter. Immer schneller. Die Wegbeschreibungen waren eindeutig und zielgerichtet. Nur war das mein eigenes Labyrinth mit dem ich zu kämpfen hatte. Ganz allein. Und da sah ich sie am Boden liegen. Reglos. Atemlos. Alle Menschen liefen vorbei. Keiner scherte sich. „Könnt ihr sie nicht sehen?“, fragte ich verzweifelt. Lief den Personen hinterher. War zeitweise unsichtbar. Ein kurzer Blick von ihnen, nichts weiter. Sie laufen vorbei. Nehmen noch mehr Abstand als sie das Blut sehen. „Sie braucht Hilfe!“, schreie ich. „Jemand muss sie retten!“ Aber niemand bleibt stehen. Jeder ignoriert. Niemand konnte sie sehen. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Aber ich könnte nur schreien. Was nun?

Ein kurzes Öffnen der Augenlider. Ein verzweifelter Blick zu mir. Ich hielt ihre Hand. Sie zitterte. War durchgefroren und gleichzeitig heiß. Wie kann das sein? Sommer im Winter? „Immer wieder dieses Nachspiel“, sagt sie. Ich streichele über ihr das Haar und bedeute ihr, dass sie es selber in der Hand hat, ob sie dem Nachspiel Bedeutung schenkt. Ich will sie weiter festhalten. Aber ich merke, dass sie loslässt. „Es kommt immer ein Nachspiel. Aber das kannst du nicht mehr verstehen wenn du es nicht selber miterlebst. Wenn du mich nicht kennst.“, sagt sie leise. Bleib, flehe ich. Einen kurzen Moment…

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Jetzt regnet es. Wie lange nicht mehr. Vorher glich noch alles einer trockenen karglosen Wüste. Aber jetzt, jetzt regnet es ununterbrochen. Es scheint, als ob das alles zum Leben dazu gehört. Schnee, Regen und zu wenig Sonnenschein. Es regnet so  stark, dass ihre Tränen sich mit den Tropfen verbinden. Let the rain wash away all the pain of yesterday. Verlass mich nicht, schreie ich. Aber sie hört mich nicht mehr. Mein Flehen wird leiser. „Mir tut alles weh“, sagt sie. Ihr Körper so schwach wie nie. Wie kann das sein? Gestern hat sie getanzt als gebe es kein Morgen. Gestern hat sie gelächelt, als ob die Sonne sie nie wieder verlassen würde. Ich höre wie der Krankenwagen näher kommt. Die Wunde wird heilen, denke ich. Eine Narbe bleibt zurück. Eine Erinnerung. Ein stechender innerliche Schmerz. Da kann jeder sagen was er will! Mund-zu-Mund-Beatmung. Will ihr Leben einhauchen. Langsamer Atem. Gnadenlos langsam. Plötzlich wieder schneller. Nur zu schnell. Das kann nicht gut sein! „Kennst du das wenn man nicht mal mehr eine Träne übrig hat? Wenn man leer ist? Unendlich leer?“, fragt sie. Ich verstehe nicht. „Ich weiß“, sagt sie. „Du musst positiv denken. Das wird schon wieder“, sagen sie. Ich klammere mich fest an sie. Spüre die Wunde. Fünf Minuten. Das ist zu lange, denke ich. Laute Sirenen, leuchtendes Blaulicht. Zu spät. Diesmal ist es einfach zu spät!

Ich freue mich auf euer Feedback und habe – wie gewünscht – nun ein etwas düsteres Thema aus meinen Schreibprojekten für euch. Das Foto ist aus einem Fotoprojekt im Jahr 2013/2014.

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24 comments

Jule 25. Februar 2016 at 16:48

Oh wow, ich wusste gar nicht worum es geht als ich angefangen habe zu lesen. 🙂
Mir fällt auf das die Sätze ziemlich kurz sind, ist das normal? 🙂

Toller Text!

LG

http://jule-elysee.blogspot.de/

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Larissa 27. Februar 2016 at 16:54

Sollte diesmal auch nicht so offensichtlich sein 😉
Ja, das ist bei diesem Thema so beabsichtigt. Danke für deinen Kommentar! 🙂
Liebe Grüße
Larissa

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Lisa 25. Februar 2016 at 17:23

Ich muss immer wieder sagen, du kannst wirklich super schreiben !

Liebst, Lisa<3
http://www.whatwouldblairwaldorfsay.de

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Vanessa 25. Februar 2016 at 18:03

Du kannst unglaublich gut schreiben und das Bild und der Text passen sehr gut zusammen! 🙂
Liebst, Vanessa

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Sandra 25. Februar 2016 at 21:08

Dein Blog wirkt echt anders als die meisten anderen & ich liebe deinen Schreibstil! 🙂

Schöne Grüße!

Reply
Son of a Beach 25. Februar 2016 at 23:38

Toller Text. Dein Blog im Allgemeinen gefällt mir sehr gut. Mach weiter so 🙂

Liebe Grüße
Ella

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Mina 26. Februar 2016 at 00:57

Das Bild ist wirklich ausdrucksstark!
Und du drückst dich sehr toll aus.
Wünsche mir noch mehr solch persönliches von dir, weil es mich begeistert.
freigeistreich

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instylequeen 26. Februar 2016 at 10:35

Ein sehr ausdrucksstarkes Bild. So eines hätte ich von mir auch sehr gerne. Dein Schreibstil ist fantastisch! Weiter so 😉
Liebe Grüße
http://www.instylequeen.de/

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Mona 26. Februar 2016 at 11:30

Du schreibst wirklich gut 🙂
Liebe Grüße, Mona

Reply
Hanna 26. Februar 2016 at 11:35

Das ist ein wirklich schöner und gefühlvoller Text!

Liebe Grüße,

Hanna von Written In Red Letters

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Anna 26. Februar 2016 at 15:26

Wieder richtig richtig gut geschrieben 🙂 Mach auf jeden Fall weiter so 🙂

Liebe Grüße, Anna
von http://whereanna.com/

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Justine Wynne Gacy 27. Februar 2016 at 16:47

Wie ich es erwartet habe: düstere Themen liegen dir wirklich sehr gut.
Das Foto passt natürlich auch super.

Davon lese ich gerne mehr 😛

Liebst
Justine

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janinewx 27. Februar 2016 at 17:37

Das ist wirklich sehr sehr toll geschrieben! Du hast wirklich Talent fürs schreiben!
Liebe Grüße

http://www.janinewx.blogspot.de

Reply
Lea 27. Februar 2016 at 17:53

Ich bin immer wieder gefesselt von deinem Schreibstil. Mir persönlich war das Thema jetzt etwas zu düster, aber das ist ja Geschmackssache 🙂
Viele Grüße
Lea

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Jenny 27. Februar 2016 at 21:48

Sehr sehr gut beschrieben (: Ich bin begeistert!
Ist zwar nicht der positivste Texte, aber so manches mal finde ich mich wieder..

Liebe Grüße,
Jenny
http://www.imaginary-lights.net/

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eatableornot 27. Februar 2016 at 22:40

Sehr gut richtig krass ! Werde öfter lesen 🙂

Liebe Grüße
eatableornot.wordpress.com

Reply
Farina 28. Februar 2016 at 02:33

Ziemlich cooler Text, das Foto passt perfekt dazu, auch wenn es schon was älter ist 🙂
Liebst,
Farina

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Sarah Kleiß 28. Februar 2016 at 10:23

Wow! Oh dieser Text ist unglaublich emotional! Ich liebe deine Texte ja eh immer, aber oh man richtig gut!

Ich wünsche dir einen wundervollen Tag <3
Liebst, Sarah von Belle Mélange

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Bella 28. Februar 2016 at 12:19

Du kannst sehr gut schreiben! Und warum sollte man nicht auch mal düstere Themen aufgreifen. Wie du siehst, sind alle begeistert wie du das rüberbringst. Ich auch.

Liebe Grüße, Bella
http://kessebolleblog.blogspot.de

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Larissa 29. Februar 2016 at 13:45

Vielen lieben Dank Bella! Das sehe ich genauso. Ich möchte eben auch die andere Seite zeigen, die es im Leben geben kann 🙂
Liebe Grüße
Larissa

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Leni 28. Februar 2016 at 18:31

Ein toller Text, mir gefällt der Stil richtig gut 🙂
Liebe Grüße 🙂

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grey 28. Februar 2016 at 20:02

Schöner Text. Hast einen neuen Fan. 🙂

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treurosa 29. Februar 2016 at 12:24

Ich muss immer wieder sagen, dass du sooo gut schreiben kannst. Ganz toller Text 🙂

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Ivory 29. Februar 2016 at 13:23

Sehr gut geschrieben, mir gefällt dein Stil.

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